Abnehmen klingt auf den ersten Blick einfach: weniger essen, mehr bewegen. Doch die moderne Adipositasforschung zeigt immer deutlicher, dass die Regulation unseres Körpergewichts wesentlich komplexer ist.
Hormone, Hunger und Sättigung, die Energiedichte unserer Nahrung und langfristige Verhaltensänderungen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig haben neue Medikamente die Behandlung von Übergewicht und Adipositas innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert.
Im Jahr 2026 sind mehrere interessante Studien erschienen. Drei aktuelle Erkenntnisse sind besonders relevant.
1. Eine neue Generation von Abnehmmedikamenten steht bereits vor der Tür
GLP-1-basierte Medikamente wie Semaglutid und Tirzepatid haben die Behandlung der Adipositas bereits deutlich verändert. Doch die Entwicklung geht weiter.
Eine der neuen Substanzen heißt Survodutid.
Survodutid aktiviert gleichzeitig zwei hormonelle Signalwege: den GLP-1-Rezeptor und den Glukagon-Rezeptor. Dadurch sollen unter anderem Appetit, Energieaufnahme und Stoffwechsel beeinflusst werden.
Im Jahr 2026 wurden im New England Journal of Medicine Ergebnisse der Phase-3-Studie SYNCHRONIZE-1 veröffentlicht.
725 Erwachsene mit Adipositas ohne Diabetes nahmen an der Studie teil.
Nach 76 Wochen betrug die durchschnittliche Gewichtsabnahme:
- 12,2 % unter 3,6 mg Survodutid,
- 13,0 % unter 6,0 mg Survodutid,
- gegenüber 5,4 % unter Placebo.
Alle Teilnehmer erhielten zusätzlich Beratung zur Lebensstiländerung.
Die häufigsten Nebenwirkungen waren – ähnlich wie bei anderen Medikamenten aus diesem Bereich – Beschwerden des Magen-Darm-Trakts wie Übelkeit oder andere gastrointestinale Symptome.
Was bedeutet das?
Die Entwicklung der medikamentösen Adipositastherapie ist vermutlich noch lange nicht abgeschlossen.
Nach GLP-1-Rezeptoragonisten und kombinierten GIP-/GLP-1-Wirkstoffen werden zunehmend Medikamente untersucht, die mehrere Stoffwechselwege gleichzeitig beeinflussen.
Das könnte zukünftig weitere therapeutische Möglichkeiten eröffnen.
Wichtig ist allerdings: Survodutid ist eine Prüfsubstanz. Aus diesen Studienergebnissen lässt sich keine Empfehlung zur Selbstbehandlung ableiten.
2. Vielleicht müssen wir weniger über Kalorien sprechen – und mehr über die Energiedichte unserer Nahrung
Eine weitere interessante Untersuchung wurde im August 2026 in JAMA Network Open veröffentlicht.
Dabei analysierten Wissenschaftler Daten einer randomisierten Studie zu einer fettarmen veganen Ernährung.
Eine zentrale Beobachtung: Die vegane Ernährung reduzierte die Energiedichte der aufgenommenen Nahrung. Und genau diese Veränderung war mit einer Gewichtsabnahme verbunden.
Was bedeutet Energiedichte?
Die Energiedichte beschreibt vereinfacht gesagt, wie viele Kalorien in einer bestimmten Menge eines Lebensmittels stecken.
100 Gramm Lebensmittel können beispielsweise 50 kcal enthalten – oder 500 kcal.
Lebensmittel mit viel Wasser und Ballaststoffen besitzen häufig eine relativ geringe Energiedichte. Typische Beispiele sind:
Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und viele wenig verarbeitete pflanzliche Lebensmittel.
Der entscheidende Punkt der Untersuchung:
Die Teilnehmer mussten nicht permanent eine bestimmte Kalorienzahl einhalten. Trotzdem war die verringerte Energiedichte der Ernährung mit einer Gewichtsabnahme verbunden.
Das könnte für den Alltag wichtiger sein als gedacht
Wer abnehmen möchte, muss also möglicherweise nicht jede einzelne Kalorie zählen.
Eine andere Strategie kann sein, einen größeren Anteil der Ernährung aus Lebensmitteln zusammenzustellen, die viel Volumen bei vergleichsweise wenigen Kalorien liefern.
Das kann gleichzeitig einen weiteren Vorteil haben: Man kann eine relativ große Menge essen und dadurch möglicherweise leichter satt werden.
Allerdings sollte man aus dieser einzelnen Analyse nicht ableiten, dass eine vegane Ernährung grundsätzlich die beste Methode zum Abnehmen ist. Die Studie untersuchte einen bestimmten Ernährungsansatz, und die Autoren weisen unter anderem darauf hin, dass Angaben zur Nahrungsaufnahme teilweise auf Selbstberichten beruhten.
Die wahrscheinlich wichtigere Erkenntnis lautet daher:
Nicht nur die Kalorienzahl zählt. Auch die Zusammensetzung und Energiedichte unserer Nahrung beeinflusst, wie einfach oder schwierig eine reduzierte Energieaufnahme sein kann.
3. Eine „gesunde Ernährung“ führt nicht automatisch zu stärkerem Gewichtsverlust
Dieses Ergebnis ist besonders spannend.
Am 20. August 2026 wurde in JAMA Network Open die randomisierte DELISH-Studie veröffentlicht.
Die Forscher verglichen zwei unterschiedliche verhaltensbasierte Programme zur Gewichtsabnahme.
Eine Gruppe sollte ihre Ernährung stärker in Richtung einer gesunden, mediterran geprägten Ernährungsweise verändern. Die andere Intervention konzentrierte sich stärker auf die Reduktion der Kalorienzufuhr.
Insgesamt nahmen 360 Personen teil.
Nach 24 Monaten zeigte sich bei der Gewichtsabnahme kein relevanter Unterschied zwischen den beiden Gruppen.
In der statistisch adjustierten Analyse betrug die Gewichtsveränderung ungefähr:
−3,4 % in der mediterranen Gruppe
und
−3,5 % in der Vergleichsgruppe.
Der Unterschied war statistisch nicht signifikant.
Das bedeutet allerdings ausdrücklich nicht, dass die Qualität unserer Ernährung unwichtig wäre.
Die Teilnehmer der mediterranen Intervention verbesserten ihre Ernährungsqualität deutlich, und die Autoren betonen, dass eine gesunde Ernährungsweise aufgrund ihrer bekannten gesundheitlichen Vorteile weiterhin ein wichtiger Bestandteil von Programmen zur Gewichtsreduktion sein sollte.
Die entscheidende Erkenntnis
Hier müssen wir zwei Ziele voneinander unterscheiden:
Gewicht verlieren und sich gesund ernähren sind nicht exakt dasselbe.
Eine mediterrane Ernährung kann gesundheitlich ausgesprochen sinnvoll sein. Aber die Bezeichnung „gesund“ bedeutet nicht automatisch, dass wir damit ein großes Kaloriendefizit erzeugen.
Auch gesunde Lebensmittel liefern Energie.
Wer beispielsweise große Mengen Nüsse, Olivenöl oder andere energiereiche Lebensmittel konsumiert, kann sich qualitativ hochwertig ernähren und trotzdem Schwierigkeiten haben, Gewicht zu verlieren.
Für eine langfristig sinnvolle Strategie sollten deshalb idealerweise beide Aspekte berücksichtigt werden:
eine hohe Ernährungsqualität und eine Energieaufnahme, die zum persönlichen Gewichtsziel passt.
Was können wir aus diesen drei Studien lernen?
Die moderne Forschung entfernt sich zunehmend von der Vorstellung, Übergewicht sei lediglich eine Frage mangelnder Disziplin.
Unser Körpergewicht wird durch zahlreiche biologische und psychologische Mechanismen reguliert.
Gleichzeitig bestätigen die aktuellen Studien einige überraschend einfache Grundprinzipien.
1. Die medikamentöse Behandlung entwickelt sich rasant.
Neue Wirkstoffe greifen gleichzeitig in mehrere hormonelle Stoffwechselwege ein und können bei Menschen mit Adipositas erhebliche Gewichtsreduktionen ermöglichen.
2. Entscheidend ist nicht nur, wie viel wir essen.
Auch was wir essen beeinflusst, wie viele Kalorien wir aufnehmen. Lebensmittel mit geringer Energiedichte können dabei helfen, mit einem größeren Nahrungsvolumen eine geringere Energiemenge aufzunehmen.
3. Gesund essen und abnehmen sind zwei unterschiedliche Ziele.
Eine hochwertige Ernährung ist für unsere langfristige Gesundheit wichtig. Für eine deutliche Gewichtsreduktion muss jedoch zusätzlich die gesamte Energiebilanz berücksichtigt werden.
Fazit
Die vielleicht wichtigste Entwicklung der aktuellen Forschung lautet deshalb:
Es gibt nicht die eine perfekte Methode zum Abnehmen.
Für manche Menschen reichen Veränderungen der Ernährung und körperlichen Aktivität aus. Andere benötigen strukturierte Programme, psychologische Unterstützung oder – insbesondere bei Adipositas – zusätzlich eine medikamentöse Therapie.
Die Forschung zeigt gleichzeitig, dass wir unseren Blick auf das Abnehmen erweitern sollten.
Statt ausschließlich Kalorien zu zählen, lohnt es sich, auf Sättigung, Energiedichte und Ernährungsqualität zu achten.
Und bei ausgeprägter Adipositas sollte Übergewicht zunehmend als das behandelt werden, was es medizinisch sein kann: eine chronische Erkrankung, für die heute immer wirksamere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.
Wissenschaftliche Quellen
Keyserling TC et al. Weight Loss Intervention Promoting an Adapted Mediterranean-Style Dietary Pattern: The DELISH Randomized Clinical Trial. JAMA Network Open. 2026;9(8). doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.29006.
Kahleova H et al. Vegan Diets and Dietary Energy Density: A Secondary Analysis of a Randomized Clinical Trial. JAMA Network Open. 2026. doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.27483.
SYNCHRONIZE-1 Investigators. Survodutide Once Weekly for the Treatment of Adults with Obesity. New England Journal of Medicine. 2026;395:776–787. doi:10.1056/NEJMoa2600751.
Über den Autor
Medizinisch überprüft von Priv.-Doz. Dr. Alois Süssenbacher
Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig überprüft und bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen aktualisiert.
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Aktualität
Erstellt am: 26. August 2026
Autor: Dr. Alois Süssenbacher
Fachliche Prüfung: Dr. Alois Süssenbacher
Geplante Überprüfung: August 2027