Kaum ein medizinisches Thema wird so emotional diskutiert wie das Impfen. Für die einen gehören Impfungen zu den größten Errungenschaften der modernen Medizin. Andere befürchten Nebenwirkungen oder zweifeln daran, ob Impfungen überhaupt notwendig sind.

Ein Blick in die medizinische Fachliteratur liefert eine recht klare Antwort: Impfungen sind nicht vollkommen frei von Risiken. Ihr gesundheitlicher Nutzen überwiegt diese Risiken bei den empfohlenen Impfungen jedoch deutlich. Sie verhindern Infektionen, schwere Krankheitsverläufe, bleibende Behinderungen und bestimmte Krebserkrankungen – und haben weltweit Millionen Menschenleben gerettet.

Wie funktioniert eine Impfung?

Unser Immunsystem kann Krankheitserreger erkennen und sich an sie erinnern. Bei einer Impfung wird ihm ein ungefährlicher Bestandteil eines Erregers, ein abgeschwächter Erreger oder lediglich eine genetische Bauanleitung für ein bestimmtes Erregermerkmal präsentiert.

Das Immunsystem beginnt daraufhin, Abwehrstoffe und spezialisierte Gedächtniszellen zu bilden. Kommt es später zum Kontakt mit dem echten Erreger, kann der Körper schneller und gezielter reagieren.

Eine Impfung ist damit eine Art Training für das Immunsystem – unter kontrollierten Bedingungen und ohne die Risiken der eigentlichen Erkrankung in Kauf nehmen zu müssen.

Impfungen haben Millionen Menschenleben gerettet

Wie groß der Nutzen von Impfungen ist, zeigt eine umfangreiche Analyse, die 2024 in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurde. Die Forschenden untersuchten die weltweiten Auswirkungen von Impfungen gegen 14 Infektionskrankheiten im Zeitraum von 1974 bis 2024.

Das Ergebnis: In diesen 50 Jahren wurden durch Impfungen schätzungsweise 154 Millionen Todesfälle verhindert. Rund 146 Millionen der geretteten Menschen waren Kinder unter fünf Jahren. Impfungen waren außerdem für etwa 40 Prozent des weltweiten Rückgangs der Säuglingssterblichkeit verantwortlich. Pro verhindertem Todesfall wurden durchschnittlich 66 gesunde Lebensjahre gewonnen. Insgesamt entspricht das rund 10,2 Milliarden zusätzlichen gesunden Lebensjahren. The Lancet

Diese Zahlen beruhen auf Modellierungen und sind deshalb keine exakte Zählung. Sie zeigen jedoch sehr deutlich, welche Größenordnung der Nutzen weltweiter Impfprogramme erreicht.

Wenn Krankheiten verschwinden, wird ihr Risiko vergessen

Impfungen sind gewissermaßen Opfer ihres eigenen Erfolges. Viele Menschen haben noch nie ein Kind mit Kinderlähmung gesehen. Diphtherie, Wundstarrkrampf oder schwere Masernkomplikationen sind für einen großen Teil der Bevölkerung kaum noch vorstellbar.

Das bedeutet aber nicht, dass diese Erkrankungen harmlos geworden wären. Sie sind lediglich seltener, weil über Jahrzehnte hinweg konsequent geimpft wurde.

Das eindrucksvollste Beispiel sind die Pocken. Die Erkrankung verursachte über Jahrtausende schwere Epidemien und führte häufig zu Tod, Blindheit oder dauerhaften Narben. Nach einer weltweiten Impfkampagne erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Pocken 1980 für ausgerottet. Bis heute sind sie die einzige menschliche Infektionskrankheit, die weltweit vollständig beseitigt werden konnte. WHO

Sinken die Impfquoten, können jedoch auch bereits zurückgedrängte Erkrankungen wiederkehren. Genau das lässt sich immer wieder bei Masernausbrüchen beobachten.

Impfungen schützen nicht nur vor dem Tod

Der Nutzen einer Impfung lässt sich nicht allein an verhinderten Todesfällen messen. Viele Infektionskrankheiten können zu schweren und teilweise lebenslangen Folgen führen:

  • Masern können eine Lungen- oder Gehirnentzündung auslösen.

  • Kinderlähmung kann dauerhafte Lähmungen verursachen.

  • Meningokokken können innerhalb weniger Stunden zu einer lebensbedrohlichen Hirnhautentzündung oder Blutvergiftung führen.

  • Gürtelrose kann lang anhaltende Nervenschmerzen hinterlassen.

  • Keuchhusten kann besonders für Säuglinge lebensgefährlich sein.

  • Eine Rötelninfektion während der Schwangerschaft kann das ungeborene Kind schwer schädigen.

  • Hepatitis B kann chronisch werden und später zu Leberzirrhose oder Leberkrebs führen.

Eine Impfung kann eine Infektion nicht in jedem Fall vollständig verhindern. Häufig senkt sie aber das Risiko eines schweren Verlaufes, einer Krankenhausbehandlung oder bleibender Schäden deutlich. Ein Erkrankungsfall trotz Impfung bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die Impfung wirkungslos war.

Manche Impfungen verhindern sogar Krebs

Besonders eindrucksvoll ist die Wirkung der Impfung gegen humane Papillomaviren, kurz HPV. Bestimmte HPV-Typen sind die wichtigste Ursache für Gebärmutterhalskrebs. Sie können außerdem weitere Krebsarten auslösen, unter anderem im Bereich von After, Penis sowie Mund und Rachen.

Eine große englische Registerstudie zeigte, dass die Häufigkeit von Gebärmutterhalskrebs bei jungen Frauen, denen die HPV-Impfung im Alter von zwölf bis 13 Jahren angeboten worden war, um etwa 87 Prozent niedriger lag als in vergleichbaren ungeimpften Jahrgängen. Der Schutz ist besonders gut, wenn die Impfung vor dem ersten Kontakt mit HPV erfolgt. The Lancet

Damit ist die HPV-Impfung im eigentlichen Sinn eine Impfung gegen Krebs – auch wenn sie den Krebs indirekt verhindert, indem sie vor der verursachenden Virusinfektion schützt.

Impfungen können auch das Herz schützen

Infektionen belasten nicht nur die Atemwege. Sie können im gesamten Körper Entzündungsreaktionen auslösen und dadurch bei gefährdeten Menschen einen Herzinfarkt, eine Herzschwäche oder andere kardiovaskuläre Komplikationen begünstigen.

Eine Metaanalyse von sechs randomisierten Studien mit insgesamt 9.001 Teilnehmenden zeigte, dass eine Influenzaimpfung mit einem geringeren Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse verbunden war. Der Nutzen war besonders bei Menschen ausgeprägt, die kurz zuvor ein akutes Koronarsyndrom erlitten hatten. JAMA Network Open

Für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist die Grippeimpfung daher nicht nur Infektionsschutz. Sie kann ein zusätzlicher Bestandteil der kardiovaskulären Vorsorge sein.

Der Schutz reicht über die geimpfte Person hinaus

Bei übertragbaren Erkrankungen schützt eine Impfung häufig nicht nur den Geimpften selbst. Wenn weniger Menschen erkranken, kann sich der Erreger schlechter verbreiten.

Davon profitieren besonders Personen, die selbst nicht oder nur eingeschränkt geimpft werden können:

  • Neugeborene und junge Säuglinge

  • Menschen mit bestimmten Immundefekten

  • Krebspatientinnen und Krebspatienten während einer immunsuppressiven Therapie

  • Menschen, bei denen eine Impfung nicht ausreichend wirkt

  • Personen mit bestimmten medizinischen Gegenanzeigen

Dieser Gemeinschaftsschutz funktioniert allerdings nur, wenn ausreichend viele Menschen geschützt sind. Wie hoch die erforderliche Impfquote sein muss, hängt von der Ansteckungsfähigkeit des jeweiligen Erregers und von der Wirksamkeit der Impfung ab.

Impfen ist deshalb bei vielen Infektionskrankheiten nicht ausschließlich eine persönliche Entscheidung. Es kann auch zum Schutz besonders verletzlicher Mitmenschen beitragen.

Haben Impfungen Nebenwirkungen?

Ja. Wie jedes wirksame Arzneimittel können auch Impfstoffe Nebenwirkungen verursachen. Eine ehrliche medizinische Aufklärung darf diesen Punkt nicht verschweigen.

Häufige Impfreaktionen sind:

  • Schmerzen, Rötung oder Schwellung an der Einstichstelle

  • Müdigkeit

  • Kopf- oder Gliederschmerzen

  • leichtes Fieber

  • vorübergehendes Unwohlsein

Diese Beschwerden sind meist mild und klingen nach wenigen Tagen von selbst ab. Sie zeigen, dass sich das Immunsystem mit dem Impfstoff auseinandersetzt, sind aber keine Voraussetzung dafür, dass die Impfung wirkt.

Schwere unerwünschte Reaktionen sind möglich, insgesamt jedoch sehr selten. Das konkrete Risiko hängt vom jeweiligen Impfstoff, vom Alter und von individuellen Vorerkrankungen ab. Deshalb werden Impfstoffe vor ihrer Zulassung in mehreren Studienphasen untersucht und danach kontinuierlich überwacht. WHO

Wichtig ist außerdem: Ein gesundheitliches Ereignis nach einer Impfung wurde nicht automatisch durch die Impfung verursacht. Wenn beispielsweise wenige Tage später eine Erkrankung festgestellt wird, besteht zunächst nur ein zeitlicher Zusammenhang. Ob tatsächlich ein ursächlicher Zusammenhang vorliegt, muss wissenschaftlich geprüft werden.

Was ist mit der Behauptung, Impfungen würden Autismus verursachen?

Für einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gibt es keine belastbaren wissenschaftlichen Belege. Eine der größten Untersuchungen zu dieser Frage umfasste mehr als 650.000 Kinder. Sie zeigte weder ein erhöhtes Autismusrisiko durch die Masern-Mumps-Röteln-Impfung noch ein erhöhtes Risiko bei Kindern mit besonderen familiären oder gesundheitlichen Risikofaktoren. Annals of Internal Medicine

Der ursprüngliche Artikel, der einen solchen Zusammenhang behauptet hatte, wurde wegen schwerwiegender wissenschaftlicher und ethischer Mängel zurückgezogen.

Nicht jede Impfung ist für jeden Menschen gleich wichtig

Die Aussage, Impfungen seien grundsätzlich sinnvoll, bedeutet nicht, dass jede Person jede verfügbare Impfung benötigt. Welche Impfungen empfohlen werden, hängt unter anderem ab von:

  • Alter

  • Vorerkrankungen

  • Schwangerschaft

  • beruflicher Tätigkeit

  • Reiseplänen

  • bereits erfolgten Impfungen

  • Medikamenten und Zustand des Immunsystems

Auch der Zeitpunkt ist wichtig. Bestimmte Lebendimpfstoffe dürfen beispielsweise während einer Schwangerschaft oder bei einer ausgeprägten Immunschwäche nicht oder nur nach sorgfältiger ärztlicher Abwägung gegeben werden.

Welche Impfungen aktuell empfohlen werden, zeigt für Österreich der regelmäßig aktualisierte Impfplan des Sozialministeriums.

Fazit: Impfungen sind ein Segen – aber kein Glaubensbekenntnis

Impfungen müssen weder unkritisch verherrlicht noch pauschal abgelehnt werden. Entscheidend ist eine nüchterne Nutzen-Risiko-Abwägung auf Grundlage wissenschaftlicher Daten.

Diese Daten zeigen: Impfungen gehören zu den wirksamsten Präventionsmaßnahmen der Medizin. Sie haben Millionen Todesfälle verhindert, Erkrankungen wie die Pocken ausgerottet, schützen vor Behinderungen und können sogar Krebs sowie bestimmte Herz-Kreislauf-Komplikationen verhindern.

Nebenwirkungen sind möglich und müssen ernst genommen werden. Bei den empfohlenen Impfungen sind schwere Komplikationen jedoch selten, während die Erkrankungen, vor denen sie schützen, erhebliche und teilweise lebenslange Folgen haben können.

Die wissenschaftlich begründete Antwort auf die Frage „Fluch oder Segen?“ lautet daher: Für die große Mehrheit der Menschen sind sinnvoll eingesetzte Impfungen eindeutig ein Segen.

 

Medizinische Fachquellen

  • Shattock AJ et al. Contribution of vaccination to improved survival and health: modelling 50 years of the Expanded Programme on Immunization. The Lancet. 2024;403:2307–2316. PubMed

  • Falcaro M et al. The effects of the national HPV vaccination programme in England on cervical cancer and CIN3 incidence. The Lancet. 2021;398:2084–2092. PubMed

  • Behrouzi B et al. Association of Influenza Vaccination With Cardiovascular Risk: A Meta-analysis. JAMA Network Open. 2022;5:e228873. PubMed

  • Hviid A et al. Measles, Mumps, Rubella Vaccination and Autism: A Nationwide Cohort Study. Annals of Internal Medicine. 2019;170:513–520. Fachartikel

  • WHO: Vaccine safety

  • Impfplan Österreich 2025/2026

Über den Autor

Medizinisch überprüft von Priv.-Doz. Dr. Alois Süssenbacher

 

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig überprüft und bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen aktualisiert.

Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Erhalten Sie regelmäßig neue Gesundheitsartikel, wissenschaftlich fundierte Tipps sowie Informationen zu neuen Online-Kursen und Veranstaltungen.

Newsletter

Zum Newsletter anmelden und auf dem Laufenden bleiben.

Aktualität

Erstellt am: 14. September 2026

Autor: Dr. Alois Süssenbacher

Fachliche Prüfung: Dr. Alois Süssenbacher

Geplante Überprüfung: September 2027