"Mein Herz schlägt manchmal unregelmäßig. Warum soll ich deshalb jeden Tag einen Blutverdünner nehmen?“ Diese Frage stellen sich viele Menschen mit Vorhofflimmern. Vor allem dann, wenn sie kaum Beschwerden haben.
Die Erklärung: Vorhofflimmern kann die Entstehung von Blutgerinnseln im Herzen begünstigen. Eine gerinnungshemmende Behandlung soll verhindern, dass daraus ein Schlaganfall entsteht.
Wie aus Vorhofflimmern ein Schlaganfall entstehen kann
Die Vorhöfe sind die beiden oberen Räume des Herzens. Normalerweise ziehen sie sich geordnet zusammen und unterstützen den Blutfluss. Bei Vorhofflimmern ist diese Bewegung gestört. Das Blut wird dadurch an manchen Stellen weniger gut weitertransportiert.
Besonders in einer kleinen Ausbuchtung des linken Vorhofs, dem sogenannten Vorhofohr, können sich Blutgerinnsel bilden.
Löst sich ein Gerinnsel, kann es mit dem Blutstrom ins Gehirn gelangen und dort ein Gefäß verstopfen. Ein Teil des Gehirns bekommt dann nicht mehr ausreichend Sauerstoff: Es kommt zu einem Schlaganfall.
Auch Vorhofflimmern, das Sie selbst nicht bemerken, kann mit einem Schlaganfallrisiko verbunden sein. Wie stark das Herzrasen ist, sagt deshalb wenig darüber aus, ob ein Schutz durch Medikamente sinnvoll ist.
Was „Blutverdünner“ wirklich machen
Der Name ist etwas irreführend: Diese Medikamente machen das Blut nicht dünn wie Wasser. Sie bremsen die Blutgerinnung. Dadurch entstehen weniger leicht gefährliche Gerinnsel. Der medizinische Begriff lautet Antikoagulation.
Wie wirksam dieser Schutz sein kann, zeigen Studien: Eine große Auswertung älterer Untersuchungen fand für den Gerinnungshemmer Warfarin eine Verringerung des Schlaganfallrisikos um etwa 64 Prozent gegenüber einer Kontrollbehandlung ohne vergleichbaren Schutz.
Gemeint ist eine relative Risikosenkung, nicht eine Verringerung um 64 Prozentpunkte. Wie groß der persönliche Nutzen ist, hängt davon ab, wie hoch das Schlaganfallrisiko ohne Behandlung wäre.
Braucht jeder Mensch mit Vorhofflimmern diese Behandlung?
Nicht automatisch. Entscheidend ist das persönliche Schlaganfallrisiko. Wichtige Faktoren sind:
- höheres Alter,
- Bluthochdruck,
- Herzschwäche,
- Diabetes,
- bestimmte Gefäßerkrankungen,
- ein früherer Schlaganfall oder eine vorübergehende Durchblutungsstörung im Gehirn.
Die europäische ESC-Leitlinie von 2024 verwendet dafür ein Punktesystem, den CHA₂DS₂-VA-Score. Ab zwei Punkten wird eine gerinnungshemmende Behandlung empfohlen; bei einem Punkt soll sie erwogen werden. Bei null Punkten ist eine dauerhafte Behandlung meist nicht erforderlich. Für bestimmte Herzerkrankungen und rund um Eingriffe gelten zusätzliche Regeln. Oxford Academic
Die Entscheidung treffen Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Dabei wird auch das Blutungsrisiko berücksichtigt. Weil sich die Gesundheit im Laufe der Zeit verändert, sollte die Einschätzung regelmäßig überprüft werden.
Welche Medikamente werden verwendet?
Heute werden häufig direkte orale Antikoagulanzien, kurz DOAK, eingesetzt. Dazu gehören Apixaban, Dabigatran, Edoxaban und Rivaroxaban.
Bei geeigneten Patient:innen werden sie gegenüber älteren Vitamin-K-Antagonisten bevorzugt. Bei mechanischen Herzklappen oder einer mittelgradigen bis schweren Verengung der Mitralklappe gelten andere Empfehlungen.
Eine große Auswertung der Zulassungsstudien zeigte unter DOAK insgesamt weniger Blutungen innerhalb des Schädels als unter Warfarin. Blutungen im Magen-Darm-Bereich waren dagegen insgesamt häufiger. Die einzelnen Präparate unterscheiden sich, weshalb die Auswahl zur persönlichen Situation passen muss.
Aspirin ist bei Vorhofflimmern kein geeigneter Ersatz für eine empfohlene Antikoagulation. Es wirkt anders und schützt in dieser Situation nicht ausreichend vor Schlaganfällen.
„Mein Puls ist wieder normal – kann ich die Tabletten weglassen?“
Ein normaler Puls allein ist kein ausreichender Grund zum Absetzen. Vorhofflimmern kann unbemerkt zurückkehren.
Auch nach einer erfolgreichen Ablation, einer Behandlung der auslösenden Bereiche im Herzen, richtet sich die langfristige Antikoagulation nach dem persönlichen Schlaganfallrisiko. Setzen Sie das Medikament deshalb nicht eigenständig ab.
Wie lässt sich die Behandlung sicherer machen?
Gerinnungshemmer erhöhen das Blutungsrisiko. Blutergüsse können leichter auftreten; manchmal entstehen ernsthafte Blutungen. Regelmäßige Kontrollen und die passende Dosierung sind deshalb wichtig.
Im Alltag helfen diese Maßnahmen:
- Zuverlässig einnehmen: Halten Sie sich an die verordnete Einnahme.
- Kontrollen wahrnehmen: Unter anderem sollte die Nierenfunktion überprüft werden.
- Zusätzliche Medikamente besprechen: Auch frei verkäufliche Schmerzmittel wie Ibuprofen können das Blutungsrisiko erhöhen.
- Vor Eingriffen informieren: Ärzt:innen und Zahnärzt:innen müssen wissen, welchen Gerinnungshemmer Sie einnehmen.
Blut im Urin oder Stuhl, schwarzer Stuhl oder ungewöhnliche Blutungen sollten zeitnah abgeklärt werden. Bei starken oder nicht stillbaren Blutungen benötigen Sie sofort medizinische Hilfe. Side effects
Für den nächsten Arzttermin lohnt sich deshalb die Frage: „Wie hoch ist mein persönliches Schlaganfallrisiko, und wie können wir die Behandlung möglichst sicher gestalten?“
Über den Autor
Medizinisch überprüft von Priv.-Doz. Dr. Alois Süssenbacher
Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig überprüft und bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen aktualisiert.
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Aktualität
Erstellt am: 06. Oktober 2026
Autor: Dr. Alois Süssenbacher
Fachliche Prüfung: Dr. Alois Süssenbacher
Geplante Überprüfung: Oktober 2027