„Ich nehme lieber keine Cholesterintabletten. Die haben doch so viele Nebenwirkungen.“ Dieser Gedanke ist verständlich. Wer den Beipackzettel liest oder im Internet nach Statinen sucht, findet schnell Berichte über Muskelschmerzen, Leberprobleme oder Diabetes.
Ein hoher LDL-Cholesterinwert macht dagegen meistens keine Beschwerden. Genau das kann täuschen: Was wir nicht spüren, kann unseren Blutgefäßen trotzdem schaden.
Statine können Nebenwirkungen haben. Doch die pauschale Behauptung, sie seien gefährlicher als ein hoher LDL-Wert, wird durch die medizinische Forschung nicht gestützt. Entscheidend ist, wie groß Ihr persönliches Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall ist – und wie stark eine Behandlung dieses Risiko senken kann.
Warum hohes LDL auch ohne Beschwerden gefährlich sein kann
Cholesterin ist ein wichtiger Baustoff unseres Körpers. Damit es im Blut transportiert werden kann, wird es in kleine Transportteilchen verpackt. Eines davon heißt LDL.
Sind zu viele LDL-Teilchen im Blut unterwegs, können sie in die Wände der Blutgefäße gelangen und sich dort ansammeln. Dadurch entstehen Ablagerungen und Entzündungen. Fachleute sprechen von Arteriosklerose, umgangssprachlich oft von „Gefäßverkalkung“.
Solche Ablagerungen können Gefäße verengen. Wenn eine Ablagerung aufreißt, kann sich ein Blutgerinnsel bilden und das Gefäß verschließen. Am Herzen kann das einen Herzinfarkt auslösen, im Gehirn einen Schlaganfall.
Dabei zählt nicht nur, wie hoch der LDL-Wert heute ist. Auch die Dauer spielt eine Rolle: Je höher LDL ist und je länger die Gefäße ihm ausgesetzt sind, desto größer wird die Belastung. Dieser Zusammenhang ist durch unterschiedliche Arten von Studien gut belegt.
Was Statine tatsächlich bewirken
Statine sind Medikamente, die die Herstellung von Cholesterin in der Leber bremsen. Dadurch nimmt die Leber mehr LDL aus dem Blut auf. Der LDL-Wert sinkt.
Das Ziel ist aber nicht bloß eine schönere Zahl auf dem Laborzettel. Die Behandlung soll Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere Folgen erkrankter Blutgefäße verhindern.
Große Auswertungen von Studien zeigen: Wird LDL mit Statinen um etwa 39 mg/dl gesenkt, sinkt das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse im Durchschnitt um ungefähr ein Fünftel. Zu diesen Ereignissen gehören beispielsweise Herzinfarkte, Schlaganfälle und notwendige Eingriffe an Herzkranzgefäßen.
Wie viel das für eine einzelne Person bedeutet, hängt vom Ausgangsrisiko ab. Wer bereits einen Herzinfarkt hatte, hat meist mehr zu gewinnen als jemand mit einem insgesamt niedrigen Risiko.
Muskelschmerzen: ernst nehmen, aber richtig einordnen
Muskelschmerzen gehören zu den bekanntesten Beschwerden, die mit Statinen in Verbindung gebracht werden. Sie können tatsächlich durch die Behandlung entstehen. Allerdings hat nicht jeder Muskelschmerz während einer Statintherapie das Medikament als Ursache.
Eine große Studienauswertung verglich Statine mit einem Scheinmedikament ohne Wirkstoff. Über durchschnittlich gut vier Jahre berichteten:
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rund 27 von 100 Menschen mit Statin über Muskelschmerzen oder Muskelschwäche;
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rund 27 von 100 Menschen mit Scheinmedikament über solche Beschwerden.
Der Unterschied war klein: genauer waren es 27,1 gegenüber 26,6 Prozent. Das zeigt, dass Muskelbeschwerden häufig auch unabhängig von Statinen auftreten.
Ihre Beschwerden sind deshalb trotzdem ernst zu nehmen. Die Zahlen sagen nicht, wodurch Ihre persönlichen Schmerzen verursacht werden. Das muss ärztlich geprüft werden.
Schwere Muskelschäden durch Statine sind selten. Bei ausgeprägten Muskelschmerzen, deutlicher Muskelschwäche oder dunkel verfärbtem Urin sollten Sie rasch ärztliche Hilfe suchen.
Können Statine die Leber schädigen?
Unter Statinen können bestimmte Leberwerte im Blut ansteigen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Leber geschädigt ist.
Schwere Leberschäden durch Statine sind äußerst selten. Die amerikanische Herzgesellschaft schätzt ihre Häufigkeit auf ungefähr 0,001 Prozent – etwa einen Fall unter 100.000 behandelten Menschen.
Vorerkrankungen und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten werden bei der Auswahl der Behandlung berücksichtigt. Ein auffälliger Laborwert muss eingeordnet werden; er ist für sich allein noch kein Beweis für eine gefährliche Nebenwirkung.
Und das Risiko für Diabetes?
Statine können den Blutzucker etwas erhöhen. Dadurch steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Diabetes neu festgestellt wird. Dieser Effekt hängt unter anderem von der Stärke der Behandlung ab.
Besonders häufig betrifft das Menschen, deren Blutzucker bereits vor Beginn der Behandlung nahe an der Diabetesgrenze lag.
Das Risiko sollte besprochen werden. Gleichzeitig zeigen die Studien: Der Schutz vor Herz-Kreislauf-Ereignissen bleibt insgesamt bestehen, obwohl diese zusätzlichen Diabetesdiagnosen auftreten. Bei Menschen mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko spricht die Abwägung daher meist klar für die Behandlung.
Braucht jeder Mensch mit erhöhtem LDL ein Statin?
Nein. Die Entscheidung richtet sich nach dem Gesamtbild.
Dazu gehören beispielsweise:
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die Höhe des LDL-Wertes;
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das Alter;
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Blutdruck und Rauchen;
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Diabetes oder eine Nierenerkrankung;
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bereits bestehende Gefäßerkrankungen;
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eine erbliche Ursache für sehr hohe Cholesterinwerte.
Nach einem Herzinfarkt oder bei einer bekannten Erkrankung der Herzkranzgefäße ist der Nutzen einer LDL-Senkung besonders gut belegt. Bei Menschen ohne bekannte Gefäßerkrankung wird geprüft, wie hoch ihr zukünftiges Risiko ist.
Die europäischen Leitlinien empfehlen Statine weiterhin als erste medikamentöse Wahl, wenn eine entsprechende Behandlung nötig ist. Ein erhöhter LDL-Wert führt aber nicht bei allen Menschen zur gleichen Therapie.
Was tun, wenn Sie ein Statin nicht vertragen?
Beschwerden müssen nicht bedeuten, dass Sie dauerhaft auf eine wirksame LDL-Senkung verzichten müssen.
Gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt lässt sich prüfen, ob ein anderes Statin, eine niedrigere Dosis oder eine Kombination mit einem weiteren Medikament infrage kommt. Bei einer echten Unverträglichkeit stehen auch andere Wirkstoffe zur Verfügung, etwa Ezetimib, Bempedoinsäure oder bestimmte Medikamente zum Spritzen. Welche Behandlung passt, hängt von Ihrem Risiko und dem benötigten Ausmaß der LDL-Senkung ab.
Setzen Sie eine verordnete Behandlung deshalb nicht einfach aus Angst dauerhaft ab. Sprechen Sie über Ihre Bedenken und Beschwerden, damit die Behandlung passend angepasst werden kann.
Drei Fragen für den nächsten Arztbesuch
Wenn Sie unsicher sind, helfen diese Fragen:
1. Wie hoch ist mein persönliches Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall?
2. Wie viel kann die LDL-Senkung dieses Risiko bei mir verringern?
3. Was machen wir, wenn ich Nebenwirkungen bemerke?
So wird aus einer allgemeinen Angst eine konkrete Entscheidung, die zu Ihrer Gesundheit passt.
Statine sind nicht frei von Risiken. Ein dauerhaft hoher LDL-Wert ist es ebenfalls nicht. Bei einer passenden medizinischen Empfehlung überwiegt der Nutzen der Behandlung häufig deutlich – besonders dann, wenn bereits eine Gefäßerkrankung besteht. Entscheidend ist eine Behandlung, deren Nutzen Sie verstehen und die Sie gut vertragen.
Medizinische Grundlagen
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ESC/EAS: 2025 Focused Update of the 2019 Guidelines for the management of dyslipidaemias. European Heart Journal, 2025.
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Ference BA et al.: Low-density lipoproteins cause atherosclerotic cardiovascular disease. European Heart Journal, 2017.
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Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration: The effects of lowering LDL cholesterol with statin therapy in people at low risk of vascular disease. The Lancet, 2012.
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Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration: Effect of statin therapy on muscle symptoms. The Lancet, 2022.
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Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration: Effects of statin therapy on diagnoses of new-onset diabetes and worsening glycaemia. The Lancet Diabetes & Endocrinology, 2024.
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Newman CB et al.: Statin Safety and Associated Adverse Events: A Scientific Statement From the American Heart Association. Arteriosclerosis, Thrombosis, and Vascular Biology, 2019.
Über den Autor
Medizinisch überprüft von Priv.-Doz. Dr. Alois Süssenbacher
Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig überprüft und bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen aktualisiert.
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Aktualität
Erstellt am: 14. Oktober 2026
Autor: Dr. Alois Süssenbacher
Fachliche Prüfung: Dr. Alois Süssenbacher
Geplante Überprüfung: Oktober 2027