Das Glas Rotwein am Abend soll das Herz schützen – diesen Satz haben viele Menschen schon gehört. Doch ist Alkohol tatsächlich gut für das Herz? Die aktuelle wissenschaftliche Datenlage zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild. Vor allem eines ist wichtig: Wer keinen Alkohol trinkt, sollte nicht aus gesundheitlichen Gründen damit anfangen.

Das berühmte Glas Rotwein fürs Herz

Über Jahrzehnte hielt sich die Vorstellung, dass kleine Mengen Alkohol – insbesondere Rotwein – vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen könnten.

Tatsächlich zeigten zahlreiche Beobachtungsstudien eine sogenannte J-förmige Beziehung: Menschen mit geringem bis moderatem Alkoholkonsum schienen teilweise ein niedrigeres Risiko für bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu haben als Menschen, die überhaupt keinen Alkohol tranken.

Doch genau hier liegt ein wissenschaftliches Problem.

Menschen, die moderat Alkohol trinken, unterscheiden sich häufig in vielen weiteren Punkten von Menschen, die vollständig darauf verzichten. Ernährung, Einkommen, körperliche Aktivität, Vorerkrankungen, soziale Faktoren und Rauchen können die Ergebnisse beeinflussen. Außerdem werden ehemalige Trinker teilweise der Gruppe der Abstinenten zugerechnet – darunter können sich Menschen befinden, die wegen gesundheitlicher Probleme mit dem Alkohol aufgehört haben.

Die American Heart Association betont deshalb in einem aktuellen wissenschaftlichen Statement, dass ein großer Teil der verfügbaren Daten aus Beobachtungsstudien stammt und damit anfällig für solche Verzerrungen ist.

Die einfache Aussage „Ein Glas Wein am Tag ist gut fürs Herz“ lässt sich wissenschaftlich daher nicht aufrechterhalten.

Was Alkohol im Herz-Kreislauf-System bewirken kann

Mit zunehmender Alkoholmenge treten die negativen Auswirkungen deutlicher hervor. Alkohol kann unter anderem den Blutdruck beeinflussen, Herzrhythmusstörungen begünstigen und bei langfristig hohem Konsum den Herzmuskel schädigen.

Besonders problematisch ist regelmäßiger hoher Konsum oder sogenanntes Binge Drinking, also wenn innerhalb kurzer Zeit größere Mengen Alkohol getrunken werden.

Eine große Untersuchung mit fast 700.000 Erwachsenen zeigte beispielsweise, dass hoher Alkoholkonsum mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden war. Besonders ungünstig war die Kombination aus hohem Gesamtkonsum und episodischem Rauschtrinken.

1. Alkohol kann den Blutdruck erhöhen

Bluthochdruck gehört zu den wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren für Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzschwäche.

Regelmäßig größere Mengen Alkohol können zur Entwicklung beziehungsweise Verschlechterung eines Bluthochdrucks beitragen. Damit wirkt Alkohol nicht nur unmittelbar auf den Kreislauf, sondern kann langfristig einen der wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verstärken.

Für Menschen mit bereits erhöhtem Blutdruck lohnt es sich deshalb besonders, den eigenen Alkoholkonsum kritisch zu betrachten.

2. Alkohol und Vorhofflimmern: ein besonders wichtiger Zusammenhang

Noch eindeutiger ist die Datenlage bei Vorhofflimmern.

Alkohol kann die elektrische Stabilität des Herzens beeinflussen und bei dafür anfälligen Menschen Herzrhythmusstörungen auslösen. Der Zusammenhang zwischen stärkerem Alkoholkonsum und Vorhofflimmern ist mittlerweile gut dokumentiert.

Dabei können bereits einzelne Trinkepisoden relevant sein. Untersuchungen zeigen, dass das Risiko einer Vorhofflimmer-Episode in den Stunden nach Alkoholkonsum ansteigen kann.

Besonders interessant ist eine randomisierte Studie, die im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde. Untersucht wurden Menschen mit Vorhofflimmern, die zuvor mindestens zehn alkoholische Getränke pro Woche konsumiert hatten. Eine deutliche Reduktion beziehungsweise Abstinenz führte innerhalb von sechs Monaten zu weniger Wiederauftreten und einer geringeren Belastung durch Vorhofflimmern.

Die Konsequenz hat inzwischen Eingang in die Leitlinien gefunden: Bei Menschen mit Vorhofflimmern, die eine Rhythmuskontrolle anstreben, soll der Alkoholkonsum deutlich reduziert oder möglichst vermieden werden.

3. Viel Alkohol kann den Herzmuskel direkt schädigen

Chronisch hoher Alkoholkonsum kann den Herzmuskel selbst schädigen.

Über längere Zeit kann sich eine alkoholbedingte Kardiomyopathie entwickeln. Dabei erweitert sich das Herz, die Pumpfunktion nimmt ab und schließlich kann eine Herzschwäche entstehen.

Das Problem: Diese Veränderungen entstehen häufig nicht von heute auf morgen. Über Jahre kann ein hoher Alkoholkonsum zunächst ohne auffällige Herzbeschwerden bleiben.

Wenn Luftnot, Leistungsminderung, Wassereinlagerungen oder Herzrhythmusstörungen auftreten, kann die Erkrankung bereits fortgeschritten sein.

Und was ist mit Rotwein?

Rotwein nimmt in der Diskussion eine Sonderstellung ein. Häufig werden Polyphenole wie Resveratrol als Erklärung für mögliche positive Effekte genannt.

Das bedeutet aber nicht, dass Rotwein als medizinische Präventionsmaßnahme betrachtet werden sollte.

Denn ein Glas Rotwein enthält neben möglichen Pflanzenstoffen eben auch Ethanol. Und Alkohol besitzt bekannte gesundheitliche Risiken.

Wer Polyphenole aufnehmen möchte, findet sie zudem auch in zahlreichen Lebensmitteln – beispielsweise in Beeren, Trauben, Nüssen und anderen pflanzlichen Lebensmitteln.

Alkohol zu trinken, um Resveratrol aufzunehmen, ist daher keine sinnvolle Strategie zur Herzprävention.

Soll ich für mein Herz Alkohol trinken?

Hier ist die Antwort ziemlich eindeutig:

Nein.

Menschen, die keinen Alkohol trinken, sollten nicht damit beginnen, um ihr Herz zu schützen.

Auch die aktuellen amerikanischen Leitlinien zur koronaren Herzerkrankung weisen ausdrücklich darauf hin, dass Patienten nicht empfohlen werden sollte, Alkohol zum Zweck des Herz-Kreislauf-Schutzes zu konsumieren.

Das ist ein wichtiger Unterschied zu früheren Vorstellungen.

Alkohol ist kein Medikament zur Herzprävention.

Muss deshalb jeder vollständig auf Alkohol verzichten?

Hier muss man differenzieren.

Aus der Tatsache, dass Alkohol nicht als herzgesund empfohlen werden kann, folgt nicht automatisch, dass bei jedem Menschen jedes gelegentliche Glas Alkohol zu einer klinisch relevanten Herzschädigung führt.

Das individuelle Risiko hängt unter anderem von Trinkmenge, Trinkmuster, Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen und Medikamenten ab.

Besonders kritisch sollte Alkohol betrachtet werden bei Menschen mit:

  • Vorhofflimmern oder anderen Herzrhythmusstörungen,
  • Bluthochdruck,
  • Herzschwäche oder eingeschränkter Herzfunktion,
  • Lebererkrankungen,
  • bestimmten Medikamenten oder möglichen Wechselwirkungen,
  • früheren Problemen mit Alkohol.

Und besonders wichtig: Große Mengen Alkohol innerhalb kurzer Zeit sollten vermieden werden. Binge Drinking ist aus kardiologischer Sicht wesentlich problematischer als die gleiche Alkoholmenge, die über einen längeren Zeitraum verteilt konsumiert wird.

Die 3 wichtigsten Botschaften

1. Alkohol ist kein Herzschutzmittel.
Die früher häufig propagierte Empfehlung vom täglichen Glas Rotwein zur Herzprävention ist wissenschaftlich nicht gerechtfertigt.

2. Je mehr Alkohol, desto größer werden die Risiken.
Insbesondere hoher regelmäßiger Konsum und Binge Drinking erhöhen das Risiko für verschiedene Herz-Kreislauf-Probleme.

3. Vorhofflimmern und Alkohol sind eine ungünstige Kombination.
Bei Menschen mit Vorhofflimmern kann eine deutliche Reduktion des Alkoholkonsums oder Abstinenz die Zahl der Rhythmusstörungen reduzieren.

Fazit

Die Vorstellung, Alkohol sei in kleinen Mengen grundsätzlich gut für das Herz, gehört zunehmend der Vergangenheit an.

Die moderne kardiologische Sichtweise ist wesentlich nüchterner: Alkohol muss nicht konsumiert werden, um das Herz zu schützen.

Wer nicht trinkt, sollte aus gesundheitlichen Gründen nicht damit beginnen. Wer Alkohol trinkt, sollte wissen, dass mit zunehmender Menge auch die gesundheitlichen Risiken steigen. Besonders Menschen mit Bluthochdruck, Vorhofflimmern oder anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten ihren Konsum kritisch hinterfragen.

Für ein gesundes Herz gibt es wesentlich besser belegte Maßnahmen: regelmäßige Bewegung, Nichtrauchen, eine ausgewogene Ernährung, ein gut eingestellter Blutdruck sowie die Behandlung erhöhter Cholesterinwerte und anderer Risikofaktoren.


Medizinische Quellen

  • Piano MR et al. Alcohol Use and Cardiovascular Disease: A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation. 2025;152–e21.
  • Voskoboinik A et al. Alcohol Abstinence in Drinkers with Atrial Fibrillation. N Engl J Med. 2020;382:20–28.
  • Wong CX et al. Alcohol and Arrhythmias. JACC Clin Electrophysiol. 2023;9(2).
  • 2023 ACC/AHA/ACCP/HRS Guideline for the Diagnosis and Management of Atrial Fibrillation.
  • 2023 AHA/ACC Guideline for the Management of Patients With Chronic Coronary Disease.

Über den Autor

Medizinisch überprüft von Priv.-Doz. Dr. Alois Süssenbacher

 

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig überprüft und bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen aktualisiert.

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Aktualität

Erstellt am: 25. August 2026

Autor: Dr. Alois Süssenbacher

Fachliche Prüfung: Dr. Alois Süssenbacher

Geplante Überprüfung: August 2027