Nach einer Stentimplantation stellen sich viele Betroffene dieselbe Frage: Wie soll ich jetzt trainieren?

Ist Ausdauertraining wie Gehen, Radfahren oder Schwimmen besser für das Herz? Oder sollte man lieber Krafttraining machen, um Muskeln und Leistungsfähigkeit wieder aufzubauen?

Die wissenschaftliche Antwort ist erfreulich eindeutig:

Sie müssen sich nicht zwischen Kraft und Ausdauer entscheiden. In den meisten Fällen ist die Kombination aus beiden die beste Strategie.

Dabei haben Ausdauer- und Krafttraining unterschiedliche Aufgaben – und ergänzen sich gerade deshalb besonders gut.

Warum Bewegung nach einer Stentimplantation so wichtig ist

Ein Stent wird eingesetzt, um eine verengte oder verschlossene Herzkranzarterie wieder zu öffnen. Dadurch kann das Herz wieder besser mit Blut und Sauerstoff versorgt werden.

Der Stent behandelt allerdings vor allem die Engstelle. Er beseitigt nicht automatisch die zugrunde liegende Erkrankung der Gefäße – die koronare Herzkrankheit.

Deshalb endet die Behandlung nicht mit der erfolgreichen Stentimplantation. Medikamente, Nichtrauchen, eine herzgesunde Ernährung, Kontrolle von Blutdruck und Cholesterin sowie regelmäßige körperliche Aktivität bleiben entscheidende Bestandteile der weiteren Behandlung.

Die 2026 veröffentlichten Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) unterstreichen deshalb erneut die Bedeutung einer strukturierten kardiologischen Rehabilitation. Sie verbessert nicht nur die körperliche und psychische Leistungsfähigkeit sowie die Lebensqualität, sondern kann auch Krankenhausaufenthalte reduzieren.

Was bringt Ausdauertraining?

Ausdauertraining ist traditionell ein zentraler Bestandteil der kardiologischen Rehabilitation.

Dazu gehören beispielsweise:

  • zügiges Gehen

  • Nordic Walking

  • Radfahren oder Ergometertraining

  • Wandern

  • Schwimmen

  • je nach Trainingszustand auch Joggen

Beim Ausdauertraining werden große Muskelgruppen über einen längeren Zeitraum bewegt. Herz, Kreislauf und Atmung müssen sich dabei an die Belastung anpassen.

Regelmäßiges Ausdauertraining kann dadurch unter anderem die körperliche Belastbarkeit erhöhen, die sogenannte kardiorespiratorische Fitness verbessern und verschiedene kardiovaskuläre Risikofaktoren günstig beeinflussen.

Gerade die Verbesserung der Ausdauerleistungsfähigkeit ist nach einer koronaren Herzerkrankung von großer Bedeutung.

Vereinfacht gesagt:

Ausdauertraining macht vor allem das Herz-Kreislauf-System leistungsfähiger.

Und was bringt Krafttraining?

Lange Zeit waren Herzpatienten beim Krafttraining ausgesprochen vorsichtig. Teilweise wurde ihnen sogar grundsätzlich davon abgeraten.

Diese Vorstellung ist heute überholt.

Richtig dosiertes Krafttraining kann auch bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sicher und sinnvoll sein.

Die American Heart Association kommt in einem wissenschaftlichen Statement zum Widerstandstraining zu dem Schluss, dass Krafttraining unter anderem Muskelkraft und Muskelmasse verbessert und gleichzeitig positive Auswirkungen auf verschiedene kardiovaskuläre Risikofaktoren haben kann.

Das ist besonders wichtig, weil Muskelkraft im Alltag eine enorme Rolle spielt.

Treppensteigen, Einkaufstaschen tragen, Gartenarbeit, Aufstehen aus einem niedrigen Sessel oder längere Wanderungen benötigen nicht nur Ausdauer, sondern auch Kraft.

Mit zunehmendem Alter kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: Ohne entsprechendes Training verlieren wir Muskelmasse und Muskelkraft. Krafttraining hilft dabei, diesem Verlust entgegenzuwirken.

Vereinfacht gesagt:

Ausdauertraining trainiert vor allem die Leistungsfähigkeit von Herz und Kreislauf – Krafttraining stärkt vor allem den Bewegungsapparat und erhält die körperliche Selbstständigkeit.

Krafttraining oder Ausdauertraining: Was ist nun besser?

Genau diese Frage wurde in wissenschaftlichen Untersuchungen analysiert.

Eine Meta-Analyse von Lee und Kollegen untersuchte Studien mit Patienten mit koronarer Herzkrankheit. Dabei zeigte sich, dass die Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining positive Auswirkungen auf die maximale Sauerstoffaufnahme, die Muskelkraft und den Muskelaufbau hatte.

Auch andere Meta-Analysen kommen zu einem ähnlichen Ergebnis.

Eine systematische Übersichtsarbeit zur Rehabilitation bei koronarer Herzkrankheit zeigte beispielsweise, dass kombiniertes Training gegenüber reinem Ausdauertraining zusätzliche Vorteile bei der körperlichen Leistungsfähigkeit und insbesondere bei der Muskelkraft bieten kann.

Eine weitere Meta-Analyse nach einer Wiederherstellung der Durchblutung des Herzens – beispielsweise mittels Stentimplantation – zeigte ebenfalls deutliche Verbesserungen der körperlichen Leistungsfähigkeit durch eine bewegungsbasierte Rehabilitation. Sowohl Ausdauertraining als auch kombiniertes Training waren wirksam.

Die entscheidende Botschaft lautet deshalb:

Es geht nicht um Krafttraining gegen Ausdauertraining. Es geht um Krafttraining plus Ausdauertraining.

Was sagen aktuelle Leitlinien?

Auch internationale Empfehlungen gehen in diese Richtung.

Für Menschen mit chronischer koronarer Herzkrankheit empfehlen die amerikanischen Leitlinien regelmäßiges aerobes Training und zusätzlich muskelkräftigende Aktivitäten an mindestens zwei Tagen pro Woche, sofern keine medizinischen Gründe dagegensprechen.

Die European Society of Cardiology hat im August 2026 erstmals eigene umfassende Leitlinien zur kardiologischen Rehabilitation veröffentlicht. Darin wird Rehabilitation ausdrücklich als zentraler Bestandteil der Versorgung von Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen betrachtet.

Ein besonders wichtiger Punkt der neuen ESC-Leitlinie ist die Individualisierung: Training soll an Erkrankung, Leistungsfähigkeit, Begleiterkrankungen, körperliche Einschränkungen und persönliche Ziele angepasst werden.

Es gibt deshalb nicht das eine Trainingsprogramm, das für jeden Menschen nach einer Stentimplantation gleichermaßen geeignet ist.

Wie könnte Ausdauertraining aussehen?

Für viele Patienten ist moderates Ausdauertraining ein guter Ausgangspunkt.

Die Intensität sollte so gewählt werden, dass Sie eine Belastung deutlich spüren, aber nicht völlig außer Atem geraten.

Eine einfache Orientierung bietet der sogenannte Sprechtest:

Wenn Sie während des Trainings noch in kurzen Sätzen sprechen können, ohne nach jedem Wort nach Luft schnappen zu müssen, befinden Sie sich häufig in einem moderaten Belastungsbereich.

Für viele Menschen eignen sich zunächst Gehen, zügiges Spazieren, Ergometertraining oder Radfahren besonders gut.

Entscheidend ist nicht, sofort möglichst intensiv zu trainieren.

Regelmäßigkeit ist wichtiger als einzelne Höchstleistungen.

Wie könnte Krafttraining aussehen?

Auch beim Krafttraining geht es nach einer Herzerkrankung nicht darum, möglichst schwere Gewichte zu bewegen.

Gerade zu Beginn steht ein kontrolliertes Training mit korrekter Technik im Vordergrund.

Geeignet sein können beispielsweise Übungen für:

  • Beine

  • Rücken

  • Brust

  • Schultern

  • Arme

  • Rumpfmuskulatur

Je nach Trainingszustand können dafür Trainingsgeräte, elastische Bänder, leichte Hanteln oder das eigene Körpergewicht verwendet werden.

Die Belastung sollte schrittweise gesteigert werden. Bei Menschen mit koronarer Herzkrankheit wird Krafttraining häufig zunächst mit niedriger bis moderater Intensität begonnen.

Besonders wichtig ist die Atmung: Während der Übung weiteratmen und ausgeprägte Pressatmung vermeiden.

Wer beispielsweise beim Bewegen eines Gewichts automatisch die Luft anhält und stark presst, kann kurzfristig erhebliche Blutdruckspitzen erzeugen.

Muss ich wegen des Stents beim Training besonders vorsichtig sein?

Hier gibt es ein häufiges Missverständnis.

Manche Patienten stellen sich einen Stent wie ein empfindliches Bauteil vor, das sich bei körperlicher Belastung verschieben könnte.

Nach abgeschlossener Implantation ist normale körperliche Aktivität jedoch grundsätzlich Teil der Rehabilitation. Die Belastbarkeit wird vielmehr durch die zugrunde liegende Herzerkrankung, einen möglicherweise vorausgegangenen Herzinfarkt, die Herzfunktion, verbleibende Gefäßverengungen, Herzrhythmusstörungen und weitere Erkrankungen bestimmt.

Wichtig ist außerdem, warum der Stent implantiert wurde.

Eine geplante Stentimplantation bei stabiler koronarer Herzkrankheit ist eine andere Ausgangssituation als eine Stentimplantation während eines akuten Herzinfarkts mit größerem Herzmuskelschaden.

Deshalb lässt sich die Frage „Wann darf ich wieder richtig trainieren?“ nicht allein anhand des Stents beantworten.

Wann sollte das Training ärztlich abgeklärt werden?

Besonders nach einem Herzinfarkt oder bei eingeschränkter Herzfunktion kann es sinnvoll sein, die individuelle Belastbarkeit vor intensiverem Training mittels Belastungsuntersuchung zu bestimmen.

Eine strukturierte kardiologische Rehabilitation bietet dafür ideale Voraussetzungen.

Das Training sollte unterbrochen und medizinisch abgeklärt werden, wenn unter Belastung beispielsweise neu auftreten:

  • Schmerzen, Druck oder Engegefühl im Brustkorb

  • ungewöhnlich starke Atemnot

  • Schwindel oder drohende Bewusstlosigkeit

  • ausgeprägtes Herzrasen oder Herzstolpern

  • ein deutlicher, unerklärlicher Leistungseinbruch

Bei starken oder anhaltenden Beschwerden sollte nicht weitertrainiert, sondern gegebenenfalls umgehend medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Bewegung ersetzt die Medikamente nicht

Wer sich nach einer Stentimplantation wieder fit fühlt und regelmäßig Sport betreibt, könnte auf die Idee kommen, Medikamente seien irgendwann nicht mehr notwendig.

Das wäre ein gefährlicher Trugschluss.

Training ist ein Bestandteil der Behandlung einer koronaren Herzkrankheit – kein Ersatz für eine notwendige medikamentöse Therapie.

Besonders Medikamente zur Hemmung der Blutplättchen dürfen nach einer Stentimplantation niemals eigenmächtig abgesetzt werden. Auch die Behandlung erhöhter Cholesterinwerte, des Blutdrucks oder anderer Risikofaktoren bleibt wichtig.

Training und Medikamente verfolgen gemeinsam dasselbe Ziel:

Das Risiko weiterer Herz-Kreislauf-Ereignisse möglichst stark zu reduzieren.

Fazit: Was ist nach einer Stentimplantation besser?

Wer nach einer Stentimplantation ausschließlich zwischen Kraft- und Ausdauertraining wählen möchte, stellt eigentlich die falsche Frage.

Beide Trainingsformen haben Vorteile.

Ausdauertraining verbessert insbesondere die Herz-Kreislauf-Fitness. Krafttraining erhält beziehungsweise verbessert Muskelkraft und körperliche Leistungsfähigkeit.

Die wissenschaftliche Literatur spricht deshalb dafür, beide Trainingsformen miteinander zu kombinieren.

Für viele Patienten könnte das langfristige Ziel beispielsweise aus regelmäßiger Ausdauerbewegung und zwei ergänzenden Krafttrainingseinheiten pro Woche bestehen.

Wie intensiv Sie trainieren dürfen und wie schnell Sie die Belastung steigern können, hängt jedoch von Ihrer individuellen Situation ab.

Der wichtigste Grundsatz lautet daher:

Nach einer Stentimplantation nicht möglichst wenig bewegen – sondern richtig bewegen.

Und für die meisten Patienten bedeutet „richtig“ langfristig:

Ausdauer + Kraft statt Ausdauer oder Kraft.


Wissenschaftliche Quellen

1. Bäck M, Hansen D, Wilhelm M, et al.
2026 ESC Guidelines on cardiac rehabilitation. European Heart Journal. 2026. doi: 10.1093/eurheartj/ehag099.

2. Vrints C, Andreotti F, Koskinas KC, et al.
2024 ESC Guidelines for the management of chronic coronary syndromes. European Heart Journal. 2024. doi: 10.1093/eurheartj/ehae177.

3. Virani SS, Newby LK, Arnold SV, et al.
2023 AHA/ACC/ACCP/ASPC/NLA/PCNA Guideline for the Management of Patients With Chronic Coronary Disease. Circulation. 2023;148:e9–e119. doi: 10.1161/CIR.0000000000001168.

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Resistance Exercise Training in Individuals With and Without Cardiovascular Disease: 2023 Update: A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation. 2024;149:e217–e231. doi: 10.1161/CIR.0000000000001189.

5. Brown TM, Pack QR, Aberegg E, et al.
Core Components of Cardiac Rehabilitation Programs: 2024 Update: A Scientific Statement From the American Heart Association and the American Association of Cardiovascular and Pulmonary Rehabilitation. Circulation. 2024;150:e328–e347. doi: 10.1161/CIR.0000000000001289.

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Combined Aerobic and Resistance Training for Peak Oxygen Uptake, Muscle Strength, and Hypertrophy After Coronary Artery Disease: a Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Cardiovascular Translational Research. 2020;13(4):601–611. doi: 10.1007/s12265-019-09922-0.

7. Marzolini S, Oh PI, Brooks D.
Effect of combined aerobic and resistance training versus aerobic training alone in individuals with coronary artery disease: a meta-analysis. European Journal of Preventive Cardiology. 2012;19(1):81–94. doi: 10.1177/1741826710393197.

8. Xanthos PD, Gordon BA, Kingsley MIC.
Implementing resistance training in the rehabilitation of coronary heart disease: A systematic review and meta-analysis. International Journal of Cardiology. 2017;230:493–508.

9. Ribeiro GS, Melo RD, Deresz LF, et al.
Exercise-based cardiac rehabilitation after myocardial revascularization: a systematic review and meta-analysis. Annals of Physical and Rehabilitation Medicine. 2022. PMID: 35229565.

Über den Autor

Medizinisch überprüft von Priv.-Doz. Dr. Alois Süssenbacher

 

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig überprüft und bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen aktualisiert.

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Aktualität

Erstellt am: 08. September 2026

Autor: Dr. Alois Süssenbacher

Fachliche Prüfung: Dr. Alois Süssenbacher

Geplante Überprüfung: September 2027